Review, Universität Wien, 27.10.2015
Sisifos. Sieben Wiederholungen
Anlässlich des 650-jährigen Gründungsjubiläums der Universität Wien wurde am 23. Oktober im Großen Festsaal der Universität in Koproduktion mit dem sirene Operntheater das Chorwerk Sisifos – Sieben Wiederholungen von Bernhard Lang uraufgeführt.
Seit der Antike beschäftigt die Philosophie die Figur des Sisyphos und die Frage nach Sinnlosigkeit oder Sinn seiner sich in Ewigkeit wiederholenden, nie endgültig zu vollbringenden Aufgabe.
Dazu ein Zitat aus dem Vorwort des Programmhefts von Heinz W. Engl, dem Rektor der Universität Wien: „Der titelgebende Sisyphos, eine Figur aus der griechischen Mythologie, hat im Laufe der Geschichte unterschiedlichste Deutungen erfahren. Eine mit den Aufgaben der Universität in Beziehung stehende Bedeutung wurde von dem Biologen, Biochemiker und Nobelpreisträger Jacques Monod namhaft gemacht: Sisyphos ist auch ein Symbol der Wissenschaft, die sich selbst immer wieder in Frage stellen muss“.
Im Chorwerk Sisifos wird die Wiederholung jedoch nicht mit den Wissenschaften in Verbindung gebracht, sondern in beklemmender Weise mit der ewigen Wiederkehr kriegerischer Auseinandersetzugen.
Das etwa einstündige Chorwerk für zwei Schauspieler und einen großen A-capella-Chor von 60 Sirenen entpuppte sich als bitterböse Parabel auf die grausame und ewige Wiederkehr der Kriege, die Kristine Tornquist – sie verfasste auch den Text der Oper – mit zwei Schauspielern recht ideenreich inszenierte. Einige dieser Szenen wurden von den beiden Schauspielern Klaus Rohrmoser und Rudolf Widerhofer teils stumm und dennoch sehr wirkungsvoll dargestellt. In etwa siebenminütigen Sequenzen werden die von Sisifos gerufenen Krieger – vom Ritter des Spätmittelalters über den Landknecht im Dreißigjährigen Krieg bis zum Kolonialherrn mit Tropenhelm gezeigt; Preußische Zucht im Siebenjährigen Krieg, die Euphoriker des Ersten Weltkriegs, die moralische Verwahrlosung im Zweiten Weltkrieg bis zu nicht mehr Staaten und Uniformen zuordenbaren terroristischen Truppen wie der IS sind Inhalte der Szenen. Eindrucksvoll die siebente Szene, als aus dem Untergrund der Bühne zwei flehende Männerhände sichtbar wurden und ein eleganter Herr in Anzug und Mantel erst Geldscheine hinunterreichte, dann Waffen verschiedenster Art, und schließlich hinabspuckte. Zum Schluss denken die beiden Männer an Flucht, auf eine Insel – aber eine Insel gibt es nicht mehr, also bleibt nur die Flucht in die Utopie …
Die Gestaltung der Bühne im Festsaal der Universität Wien – ein quadratischer Holzbau mitten im Saal, auf dem die beiden Darsteller agierten – oblag Cornelius Burkert, die bunten und jeweils zu den Szenen gut passenden Kostüme entwarf Markus Kuscher, für Licht und Technik war Edgar Aichinger zuständig. Die Leitung dieser Koproduktion hatten Jury Everhartz (sirene) und Katharina Hötzenecker (Universität Wien) inne.
Die beiden Schauspieler Klaus Rohrmoser und Rudolf Widerhofer rezitierten ihre Texte sehr wortdeutlich und spielten ihre stummen Szenen mit subtiler Mimik. Der 60-köpfige Sirenen-Chor, der von der Balustrade des Festsaals in altgriechischer Sprache stimmkräftig aufs Publikum herabsang, wurde von François-Pierre Descamps geleitet.
Das Publikum, das rund um die Holzbühne saß, belohnte am Schluss – sichtlich beeindruckt – alle Mitwirkenden mit lang anhaltendem Applaus.